Informatives, Bauen & Wohnen 27.02.2018

Titelthema - Interview Ulrike Hotz

Baubürgermeisterin in Reutlingen

In der Region wird was bewegt! In den letzten Jahren wurden einige wichtige Bauvorhaben umgesetzt und auf den Weg gebracht. Angefangen mit der Stadthalle bis zur jüngsten Einweihung des Scheibengipfeltunnels. Da liegt es nahe, dass SAM das Gespräch mit Baubürgermeisterin Ulrike Hotz gesucht hat. Denn die gebürtige Böblingerin ist bereits seit 2000 Baubürgermeisterin in Reutlingen und seit 2005 Erste Bürgermeisterin. 2013 wurde sie im Amt bestätigt.

 


 

SAM: Vor 50 Jahren wurden die Planungen am Scheibengipfeltunnel begonnen und nun können nach acht Jahren Bauzeit seit Oktober 2017 die Bürger hindurchfahren. Was bedeutet für Sie und die Stadt RT dieser … im wahrsten Sinne „Durchbruch“?
U. H.: Vor allem beim Verkehr in der Innenstadt macht sich das bemerkbar, da es nun eine Umfahrungsroute für Reutlingen gibt und nicht mehr der ganze Verkehr durch die Innenstadt fließen muss. Durch die neue Verkehrsleitung sollen so viele wie möglich durch den Tunnel fahren. Und das hilft uns natürlich auch bei der Einhaltung der Schadstoffgrenzwerte. Doch das ist nur der Anfang. Da wir in Reutlingen  überwiegend Ziel- und Quellverkehr haben, werden wir allein in den nächsten drei Jahren neun Millionen in den Umweltverbund investieren, um so eine attraktivere Alternative zum Auto anbieten zu können. Dazu gehört ein neues Stadtbuskonzept mit neun neuen Buslinien und 100 neuen Haltestellen, das zusätzlich zwei Millionen Fahrgäste bringen soll. Dazu gehört auch ein Masterplan im Radverkehr, der das langfristige Ziel hat, den diesen um 25% zu erhöhen. Die Förderung der e-Mobilität und die digitale Vernetzung der unterschiedlichen Verkehrsträger sind ebenfalls wichtige Bestandteile unserer aktuellen Verkehrspolitik. 

 

SAM: Welche Bauvorhaben stehen in Reutlingen als nächstes an?
U. H.: Ein für das Stadtbild und die Stadtgeschichte wichtiges Projekt ist die denkmalgerechte Sanierung der Oberamtei-Häuser aus dem 13. Jahrhundert. In einem offenen Realisierungswettbewerb setzte sich dabei ein Entwurf des Stuttgarter Architekturbüro Wulf durch (s. Abb.). Dann die Marktplatzsanierung, die am runden Tisch mit den beteiligten Einzelhändlern vor Ort besprochen wird sowie die Generalsanierung des Rathauses und die Projektentwicklung Stadthallenhotel. Wir alle sind auf die Fertigstellung des Stuttgarter Tors gespannt – das Projekt eines privaten Investors. Abseits der großen Aufmerksamkeit haben wir mit der Generalsanierung der Betzinger Kläranlage für 30 Millionen begonnen, um die Wasserqualität zu verbessern. 

 

SAM: Die drei Jahre andauernden Arbeiten in der Kanzleistraße sind nun vorüber und die Mieter sowie Gewerbetreibenden können wieder aufatmen. Warum kam es zu Verzögerungen und dem daraus resultierenden Unmut?
U. H.: Durch die Fernwärmeleitung von FairNetz kam es zu Problemen und zum Verzug. Die Leitungen in der Altstadt sind technisch recht kompliziert. Ziel ist, das Fernwärmenetz durch die FairEnergie und FairNetz auszubauen. Wir wollen bis 2020 nochmal 40 km mehr an Leitungen ausbauen. Derzeit wird hinter dem Bahnhof, Ecke Bahnhofstr./Silberburgstraße ein neues Heizkraftwerk gebaut, um die Leistung zu gewährleisten. Auch die Altstadt und Oststadt sollen an das Fernwärmenetz angeschlossen werden. Dadurch leisten wir einen Beitrag zum Klimaschutz und zur Schadstoffreduktion. Wenn die Fernwärmeleitungen erst mal im Boden sind, geht das Team der Stadt auf die Oberfläche und setzt alles sofort um. Beim Weibermarkt funktionierte diese Umsetzung sehr gut und wird daher am Marktplatz genauso fortgesetzt. 

 

SAM: Gleich zwei neue Projekte stehen sich fast gegenüber, das GWG Gebäude im Pfenningareal und das neue Tonne Theater auf dem ehemaligen Listhallengelände. Ist die Planung um den Knoten Oskar-Kalbfell-Platz fertig? Wann wird der neue Steg angegangen?
U. H.: Am 19.01.2018 wurde der eigenwillige und ausdrucksstarke Theaterbau eingeweiht, nachdem sich der Entwurf eines Lemgoer Architekturbüros im Rahmen eines Wettbewerbs im September 2013 durchgesetzt hatte. Damit ist neben der Stadthalle und dem GWG-Turm am Pfenning-Areal ein neuer Baustein der neuen Mitte fertiggestellt und eine weitere Perle in der Kulturmeile mit VHS, Spendhausmuseum, Stadtbibliothek, Stadthalle und der Sammlung konkreter Kunst entstanden Der Neubau des GWG-Gebäudes ist das Ergebnis eines Planungswettbewerbs. Es erinnert mit seinem Material an die Architektur der Bruderhaus Maschinenfabrik, bildet ein modernes Gegenüber zum Tübinger Tor und fasst mit der Stadthalle den Oskar-Kalbfell-Platz neu zusammen. Die Baukultur muss erhalten bleiben. Städtebaulich sowie architektonisch wird der Oskar-Kalbfell-Platz eine neue räumliche Struktur erhalten, die bis zum Hamburg-Mannheimer Gebäude/ AOK mit der Eingliederung des Stadthallenhotels ausgedehnt wird. Wenn wir Gebäude planen und bauen, brauchen wir zeitlose Qualität. Das Thema neuer Steg nimmt der Gemeinderat sehr ernst, möchte jedoch vor dem Planungsauftrag erst die neue Verkehrsentwicklung nach Inbetriebnahme des Scheibengipfeltunnels abwarten.

 

Eingliederung in das Areal der Oberamteistraße

 

Entwurf für den Neubau in der historischen Oberamteistraße  

 

SAM: Auf welche Umsetzung sind Sie während Ihrer Zeit als Baubürgermeisterin besonders stolz?

U. H.: Von Anfang an lag mir das Thema  Bürgerbeteiligung am Herzen und ich denke, dass wir bei verschiedenen Projekten gezeigt haben, dass wir unsere Arbeit ernst nehmen. Die „Stadt der kurzen Wege“ sowie die Innenentwicklung vor der Außenentwicklung sind zwei zentrale Bausteine der Stadtentwicklung, die mir sehr wichtig sind. Zu den zentralen Projekten gehören beispielsweise die Entwicklung der Oberen Wässere mit über 1.000 neuen Arbeitsplätzen, das Seidenviertel, das Lindachquartier sowie das Stuttgarter Tor. Zudem bin ich sehr stolz auf die Ortsentwicklungskonzepte für unsere Stadtbezirke. Aktuell planen wir gemeinsam mit Investoren die Entwicklung des Zollquartiers mit Mobilitätszentrale und Abstellanlage für Fahrräder, das Max&Moritz Gelände, das Postareal dies- und jenseits der Bahn, den Federnseeplatz sowie die Stadtbachstraße (Einfahrt ZOB), die Entwicklung des ehemaligen Willi-Betz Geländes im Laisen und die des Güterbahnhofs. 

 

SAM: Mit welchen anderen Städten stehen Sie für Projekte in Kontakt? Wie sehen die Verbindungen aktuell mit Metzingen aus?
U. H.: Ich stehe im regen Austausch mit anderen Baubürgermeister-Kollegen wie z. B. beim Projekt Stuttgart IBA. Ein weiteres, gemeinsames Projekt mit Kommunen ist beispielsweise die Regionalstadtbahn. Unter Moderation des damaligen Tübinger Regierungspräsidenten Jörg Schmidt, brachte man mit der Stadt Tübingen und Metzingen einen soliden Vertrag auf den Weg und schaffte somit einen sehr guten sowie fruchtbaren Prozess. Ich finde es immer wichtig, ein Bewusstsein für die verschiedenen Interessen zu entwickeln. 

 

SAM: Wird es weitere neue Flüchtlingsunterkünfte geben und wenn ja, wo?
U. H.: Ja, es wird weitere geben. Der Gemeinderat hat beschlossen, Holzbaumodule in Ohmenhausen, Degerschlacht und Mittelstadt zu bauen, wie sie z. B. in Sickenhausen und Altenburg schon realisiert wurden. Und wir arbeiten intensiv daran, Flüchtlinge auch in normalen Wohnungen unterbringen zu können.

 

SAM: Durch die niedrigen Zinsen wurde ein Bauboom ausgelöst. Welche Neubaugebiete entstehen oder sind in Planung? Wie sehen Sie die Entwicklung in den kommenden Jahren?
U. H.: Reutlingen wächst jährlich um ca. 1.000 Einwohner. Das stellt den Wohnungsbau in der Stadt vor große Herausforderungen. Im Rahmen einer Wohnbauoffensive sollen pro Jahr 500 neue Wohneinheiten entstehen, derzeit haben wir ca. 3.000 Wohneinheiten in Vorbereitung. Dabei legen wir, trotz der hohen Geschwindigkeit, großen Wert auf Qualität und die Schaffung von lebendigen, nachbarschaftlichen Räumen. Dies sichern wir, indem wir neue Baugebiete mithilfe von Wettbewerben entwickeln. Dadurch stellen wir sicher, dass die neuesten Ansätze und Konzepte in die Planungen miteinfließen. Unser fachlich gut aufgestelltes und engagiertes Team im Baudezernat arbeitet mit Hochdruck daran, neue Gebiete zu entwickeln und Baugenehmigungen zu erteilen. So entsteht z. B. am Schieferbuckel ein Projekt mit 330 Wohneinheiten. Man erkennt die neuesten Ansätze des Wohnungsbaus durch Qualität und ansprechenden öffentlichen Räumen. Auch in Orschel-Hagen entwickelt die GWG ein neues Quartier mit 370 Wohneinheiten. 

 

Wir danken Ihnen, dass Sie sich für uns und unsere Leser Zeit genommen haben und wünschen gutes Gelingen bei Ihren weiteren Projekten!

 

 

 


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