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Slow-Food

Einfach besser Leben! Von Manfred Kriener

Das Unbehagen über unseren konsumintensiven, extrem beschleunigten Lebensstil wächst. Alle fühlen sich überfordert. Aber wie können wir dem Hamsterrad entkommen? Von Manfred Kriener

 

 

Die Zeit sitzt uns im Nacken. Der Sekundenzeiger tickt und das Hamsterrad dreht sich. Je effizienter wir Zeit einsparen, desto weniger haben wir. In immer kürzeren Zeitabständen wollen wir immer mehr Dinge erledigen. Und wir müssen jedes Jahr ein wenig schneller laufen, arbeiten, konsumieren, Urlaub machen. Uns quält permanent die Angst, dass wir unser Pensum nicht mehr schaffen, die Kontrolle über unsere Lebensführung verlieren: zu viele Informationen, zu viele Termine, Geschäftsessen, Partys, zu viele Optionen – ein zunehmend Furcht einflößender Ozean an Möglichkeiten.

Und nicht nur die Zeit verdichtet sich. Wir stöhnen längst auch unter der Last der vielen materiellen Güter, die wir in unseren Häusern kaum noch unterbringen. Wir müssen sie in Garagen, Kellern und auf bezahlten Abstellflächen zwischenlagern. Die Dinge wuchern in Schubladen und Schränken, auf Schreibtischen sowie Ablagen und sie erdrücken uns. 

 

Dazu der technische Overkill von Computern, Navis und Digitalkameras, von i-Pods und i-Pads. Da leuchten Fernsehgeräte mit 800 Programmen und Taschentelefone, mit denen wir vom Urlaubshotel in Bangkok aus unsere Aquarienfische in Hinterholzhausen füttern können. Niemand ist in der Lage, all diese komplexen Geräte mit ihren tausend Bedienoptionen wirklich noch zu beherrschen. Aber jeder will sie haben, weil wir im zwischenmenschlichen Wettrüsten mithalten müssen. Weil der Mensch nicht vom Zeitgeist abgehängt werden will. All die glitzernden Wunschmaschinen sind feste Insignien unseres Hightech- und Hochgeschwindigkeitslebensstils. Dabei nutzen wir viele unserer Gerätschaften und Einkäufe eher selten.

 

Die Befriedigung liegt im Kauf selbst

 

Ein wachsender Anteil der Konsumgüter wird, wie der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa analysiert, eigentlich gar nicht mehr konsumiert. Konsumieren hieße nämlich, all die schicken Kochbücher nicht nur im Wohnzimmerregal auszustellen, sondern den Herd anzuwerfen und richtig selbst zu kochen. „Das ist sehr zeitaufwändig“, sagt Rosa, „da gehen wir lieber noch ein wenig shoppen.“ Denn die Befriedigung hängt immer mehr im Kauf und nicht am Konsum der Dinge.

 

So werden wir also gepeinigt von 24-Stunden-Shopping, Nonstopp-Kommunikation und der Atemlosigkeit des ganz normalen Alltags. Dabei gerät das Leben aber aus den Fugen. Selbst die Liebe verkommt zum Speed-Dating, der Mittagsschlaf zum Power-Napping. Und in Quickreader-Kompaktseminaren drängeln sich Metropolenmenschen, die ihre Lesegeschwindigkeit unbedingt erhöhen wollen, in dem sie nicht mehr langsam Wort für Wort lesen, sondern im Maximaltempo ganze Satzfragmente auf einmal ins Hirn jagen. Schneller lesen, schneller leben.

 

Wir fühlen uns schuldig, weil wir nicht mehr mithalten können

 

Die moderne Gesellschaft, sagt Rosa, „produziert ununterbrochen schuldige Subjekte“ – Menschen, die nicht mehr mitkommen und zwischen Zeitverdichtung und Multitasking heillos überfordert hin- und herhetzen, gefangen im Strom hektischer Betriebsamkeit. „Wir versuchen, zwei Leben in einem unterzubringen“, schreibt der Dokumentarfilmer Florian Opitz und der Wirtschaftswissenschaftler Peter Bendixen stellt die Frage nach dem Ausstieg aus dem Hamsterrad: „Wie können wir uns sinnvoll verhalten gegenüber einem übermächtig gewordenen Wirtschafts- und Lebensstil, dessen ungehemmte Fortsetzung wahrscheinlich kein gutes Ende nehmen wird?“ Denn nicht nur das Lebensglück jedes einzelnen Menschen steht auf dem Spiel. Auch Natur und Umwelt, Klima und Planet geraten unter die rasenden Räder.

 

Während das Unbehagen über den konsumintensiven, extrem beschleunigten Lebensstil wächst, Burnouts und Depressionen zunehmen, fragen sich ratlose Zeitgenossen, wie sie entkommen können. Mit Coaching, Zeit-Ratgebern und Managementkursen kann man zumindest vorübergehend ein wenig Entlastung schaffen. Der erlösende Notausgang ist aber schwer zu finden, zumal der einzelne Mensch in seinem Umfeld und am Arbeitsplatz funktionieren muss.

 

Als Ausstiegsoptionen bleiben uns oft nur die kleinen und großen Fluchten, die zunehmend in den gesellschaftlichen Mainstream einsickern. Mit einer Auszeit im Kloster, auf dem Bauernhof oder auf der Sennhütte versuchen Tausende Distanz zum Hamsterrad zu gewinnen. Digitales Fasten durch zehn Tage Computer- und Handyverzicht wirkt manchmal Wunder, auch wenn es manchen unmöglich erscheinen mag. Wanderwochen im Hochgebirge oder Kanufahren durch die Wildnis sind beliebte Entschleunigungskuren. Und immer öfter wird das Sabbatjahr ausgerufen: Ein Ausklinken aus dem Alltagsstress durch langen Sonderurlaub. Man bringt sich in einen Zustand, sagt Rosa, „in dem man nicht mehr rennen kann.“ 

 

Zu den kleinen, aber bewährten Abschaltübungen gehört auch das Essen mit Freunden. Gemeinsam um den großen Tisch herum sitzen, zusammen essen und trinken, sich unterhalten, amüsieren, genießen. Es braucht eigentlich nicht viel für ein bisschen gutes Leben. Aber es wird schwieriger, sich die Freiräume im Alltagsstress zu bewahren. Terminkalender und Mail-Accounts sind rappelvoll, die Handys bimmeln dröhnender als jede Kirchenglocke.

 

Weniger ist mehr! heißt das Zauberwort, dem eigentlich jeder sofort zustimmen wird. Eigentlich. Wir müssen nur „jene Dinge weglassen, die ökologisch nicht verantwortbar sind, ohnehin kaum Glück stiften, Zeit und Platz beanspruchen und überdies viel Geld kosten“, sagt der Oldenburger Ökonom Niko Paech. Wachstumsgegner Paech, der stets gut gelaunte Konsum-Spielverderber der Nation, plädiert für eine neue Genügsamkeit, für „Suffizienz“. Suffizienz (von sufficere: genügen, ausreichen) bedeute, so Paech, wenige Dinge intensiv zu genießen, statt sich mit so vielen Dingen zu umgeben, dass kein Genuss mehr möglich ist.

 

 

 

Der Berliner Publizist Matthias Greffrath überlegt schon mal, wie das funktionieren könnte. „Wenn wir weniger, aber besser essen und öfter selbst kochen; wenn wir nur einmal im Jahr, aber dafür gut vorbereitet verreisen; unsere Möbel, Mäntel, Motorräder nicht alle Jahre wechseln und nur noch so viel arbeiten, wie es uns gut tut – kurzum, wenn wir nachhaltig und vernünftig leben: Wäre das der GAU für unser Wirtschaftssystem? Und wenn nicht: Was steht unserer Vernunft im Wege, um uns herum und in uns selbst?“

 

Ballast abwerfen – das kann glücklich machen

 

Dass weniger tatsächlich mehr sein kann, spürt jeder, der einmal die lustvolle Befreiung einer häuslichen Entrümpelung erlebt hat. Der Abwurf von Ballast ist durchaus glückstiftend, materielle Entschlackung macht frei. Bei näherem Hinsehen wird auch klar, welche Unmengen an Gütern wir besitzen, die wir weder brauchen, noch nutzen. Eine schwäbische Architektin hat vor zwei Jahren für das Wirtschaftsmagazin brandeins Inventur gemacht und alle Besitztümer, vom Auto bis zur Büroklammer, aufgelistet:  23 Hosen, 19 Paar Schuhe, 10 Topfpflanzen usw. Das erstaunliche Resultat: Nur 26  Prozent aller Gegenstände hatte die Frau regelmäßig in Gebrauch, 47 Prozent hat sie nie, 27 Prozent nur selten benutzt. Im Klartext: Der größte Teil unserer Besitztümer ist komplett überflüssig.

 

Doch sobald von Suffizienz und einem bescheidenen Lebensstil die Rede ist, macht das böse V-Wort die Runde: Verzicht! Verzicht zu predigen war schon immer ein Tabu. Verzicht fühlt sich etwa so sexy an wie die Hosenklammer für Radfahrer. Der Sozialwissenschaftler Harald Welzer dreht den Spieß einfach mal um. Er sagt: Gerade der Status quo unserer gegenwärtigen Lebensweise werde mit ungeheuren Verzichtsleistungen erkauft. Wir verzichten, so Welzer, nicht nur auf eine intakte Umwelt und Natur, sondern in lärmenden Städten auch auf Gesundheit und Ruhe, im Verkehrsmoloch auf Angst- und Stressfreiheit und in unserem hektischen Alltag sogar auf Kinder und Familie, wenn Karriere und Arbeitsintensität im Wege stehen. Welzer wehrt sich dagegen, Veränderung ständig mit Verzicht gleichzusetzen und Verzicht so zu definieren, als wäre der zerstörerische Jetztzustand das Optimum.

 

Slow Food ist eine internationale Bewegung, die sich mit einem eigenständigen und neuen Ansatz für Verbraucher und Produzenten einsetzt. Die Non-Profit-Organisation engagiert sich für regionale, saisonale und handwerklich hergestellte Lebensmittel, eine nachhaltige, kleinbäuerliche Landwirtschaft, artgerechte Tierhaltung und die Bewahrung der Arten- und Geschmacksvielfalt. Die Slow-Food-Bewegung entstand in den 1980er Jahren in Italien und hat heute etwa 100.000 Mitglieder in 160 Ländern, davon über 13.000 in Deutschland.

 

Für die Zukunft des Planeten sind maßvolles Konsumieren und ein ressourcenleichter Lebensstil unverzichtbar. Klar ist auch, dass Suffizienz nicht allein auf die individuellen Anstrengungen jedes Einzelnen reduziert werden kann. Es braucht die politische und gesellschaftliche Steuerung. „Die freiwillig zur Veränderung bereiten Menschen bilden in der Gesellschaft eine Minderheit von fünf bis zehn Prozent“, schätzt der Suffizienzforscher Manfred Linz. Es führt also kein Weg an verordneter Nachhaltigkeit und Bescheidenheit vorbei, was etwa so beliebt ist wie Fußpilz und langfristige, mühsame Veränderungen erfordert. Bis dahin muss jeder selbst für sich einen Weg finden. Die Gefahr dabei: Menschen, die ihren Lebensstil radikal vereinfachen und weniger und bewusster konsumieren, können, wie oben beschrieben, zwar davon profitieren. können aber auch verbiestert werden und ein wenig öko-kauzig. Wir sollten uns eingestehen, dass auch Verzicht und Bescheidenheit ihre Grenzen haben und dass der Abstand zu den „anderen“ nicht zu groß werden darf. Es ist das Verdienst von Slow Food, Suffizienz mit Genuss zu verbinden und der Verbissenheit die frohen Gesichter einer gut gelaunten Tafelrunde gegenüber zu stellen.

 

Zum Schluss ein kompetenter Trost von Rosa: „Das gegenwärtige Wirtschaftssystem, das diesen Lebensstil geprägt hat, ist gerade mal 200 Jahre alt und wird nicht das Ende des Universums bedeuten, auch nicht das Ende der Welt oder der Menschheit. Es werden sich andere Ideen entwickeln.“ 

 

Manfred Kriener ist Umwelt- sowie Food-Journalist aus Berlin

 

 


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